Berufsorientierung

Der Begriff Orientierung hat zwei unterschiedliche Facetten. Zum einen das "sich zurechtfinden", also eine persönliche Standortbestimmung vornehmen (Ich muss mich erst mal orientieren), zum anderen beschreibt er eine Ausrichtung oder Einstellung (auf den Beruf hin orientiert sein). Insbesondere in der ersten Bedeutung wird der prozesshafte Charakter einer Orientierung deutlich. Auf die Berufsorientierung (BO) bezogen lässt sich definieren:

Berufsorientierung ist ein lebenslanger Prozess der Annäherung und Abstimmung zwischen Interessen, Wünschen, Wissen und Können des Individuums auf der einen und Möglichkeiten, Bedarfen und Anforderungen der Arbeits- und Berufswelt auf der anderen Seite. Beide Seiten, und damit auch der Prozess der Berufsorientierung, sind sowohl von gesellschaftlichen Werten, Normen und Ansprüchen, die wiederum einem ständigen Wandel unterliegen, als auch den technologischen und sozialen Entwicklungen im Wirtschafts- und Beschäftigungssystem geprägt.

Berufsorientierung ist somit ein Lernprozess, der sowohl in formellen, organisierten Lernumgebungen als auch informell im alltäglichen Lebensumfeld stattfindet. Formelle Lernumgebungen können sowohl durch allgemeinbildende und berufsbildende Schulen als auch bspw. durch freie Bildungsträger hergestellt werden:

Berufsorientierender Unterricht in formellen Lernumgebungen umfasst alle zielgerichteten Aktivitäten, die dazu beitragen, die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Jugendlichen zur Berufswahl, zur Bewältigung der Anforderungen der Arbeitswelt und zu deren Mitgestaltung zu verbessern. Dazu gehören insbesondere
· die Vermittlung von Informationen über Berufe und berufliche Tätigkeiten sowie Funktionsweisen und Anforderungen des Arbeits- und Wirtschaftssystems,
· die Unterstützung bei der Informationsverarbeitung,
· Maßnahmen zum Bewusstmachen der eigenen Entwicklungs- und Leistungspotenziale,
· die Förderung arbeits- und berufsweltrelevanter Kompetenzen sowie
· die Ermöglichung praktischer Erfahrungen und Kontakte in und mit der Arbeits- und Berufswelt.

Berufsorientierender Unterricht steht unter einer doppelten Herausforderung. Zum einen soll er pädagogischen Zielen folgen, in deren Mittelpunkt die Persönlichkeitsentwicklung des Individuums steht, und dazu beitragen
· Lebenschancen zu eröffnen und erweitern,
· Verständnis und Einsicht, auch im Zusammenleben mit anderen, zu fördern,
· Handlungsoptionen zu verdeutlichen sowie Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit zu steigern sowie
· Eigenverantwortung und Selbstständigkeit zu stärken.
Zum anderen soll berufsorientierender Unterricht die Berufswahl- und Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen stärken, um den Nachwuchsbedürfnissen der Wirtschaft gerecht zu werden. Dazu gehört vor allem die Vorbereitung auf betriebliche Qualifikationsanforderungen und Arbeitsformen sowie die aktive Unterstützung des Berufswahl- und Bewerbungsprozesses der Jugendlichen.
Diese beiden Zieldimensionen gilt es im berufsorientierenden Unterricht auszutarieren, wobei der Schwerpunkt je nach Zeitpunkt und Ort des Lerngeschehens wechseln kann. Ein an allgemein bildenden Schulen angesiedelter BO-Unterricht muss entsprechend des bildungspolitischen Auftrages im Unterschied zu nachschulischen Maßnahmen der vorberuflichen Bildung an berufsbildenden Schulen oder bei freien Trägern das pädagogische Ziel stärker gewichten, ohne die Anforderungen der Arbeitswelt deshalb auszuklammern.

Ein allgemein bildender berufsorientierender Unterricht fügt dementsprechend die Auseinandersetzung mit der Arbeits- und Berufswelt in den allgemeinen lebensweltlichen Kontext der Jugendlichen ein. Er dient dem Ziel, Informationen, Kenntnisse und Erfahrungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, betrieblicher und persönlicher Interessen und Wertigkeiten interpretieren, bewerten und in eigenverantwortliches und zielgerichtetes Handeln übersetzen zu können. Jugendliche werden darin gestärkt, ihre individuelle Arbeits- und Berufsbiographie selbst gestalten zu können, wobei ein umfassender Arbeitsbegriff zu Grunde gelegt wird, der auch nicht entlohnte Tätigkeiten wie Haus- bzw. Eigen- und Bürgerarbeit umfasst.

Neben der Persönlichkeitsbildung und der Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe ist die Vorbereitung auf die Arbeits- und Berufswelt eine maßgebliche Zieldimension jeglichen Bildungshandelns und mit diesen untrennbar verbunden (vgl. Forum Bildung 2002:54). Eine Schule, die diesen Bildungsauftrag in ihrer Gesamtheit ernst nimmt, weist ein spezifisches Profil auf.

So kann von einer berufsorientierenden Schule gesprochen werden,
· wenn Berufsorientierung als didaktisches Grundprinzip im Schulleitbild und bei den Schulmitgliedern - insbesondere der Schulleitung - fest verankert ist,
· sich diese Denkhaltung in einer Fächer- und Jahrgangsstufen übergreifenden Konzeption manifestiert und die Schule in ein kooperatives Netzwerk mit externen Partnern aus der Arbeits- und Berufswelt sowie weiterführenden Bildungseinrichtungen und anderen außerschulischen Akteuren eingebunden ist und
· die Konzeption in einem lebendigen Dialog der Schule mit ihrer Umwelt und ihren Mitgliedern fortlaufend kritisch reflektiert und angepasst wird. (Verfasser: Prof. Dr. Gerd-E. Famulla, Bert Butz, Juli 2005)

Quelle

Famulla, Gerd-E. 2004: "Bildungsstandards in der Berufsorientierung". Vortrag anlässlich der Verleihung des Qualitätssiegels "Schule mit vorbildlicher Berufsorientierung" am 22. Juni 2004 in Hamburg. Online-Ressorce: http://www.swa-programm.de/texte_material/swa_vortraege/vortrag_hamburg_0604.pdf

Forum Bildung 2002: Empfehlungen und Einzelergebnisse des Forum Bildung II, Bonn

Kultusministerkonferenz/Bundesagentur für Arbeit 2004: Rahmenvereinbarung über die Zusammenarbeit von Schule und Berufsberatung zwischen der Kultusministerkonferenz und der Bundesagentur für Arbeit v. 15.10.2004

Schudy, Jörg (Hrsg) 2002: Berufsorientierung in der Schule. Grundlagen und Praxisbeispiele; Bad Heilbrunn.

  
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